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Information und Prävention in Deutschland – eine Misere

Die Situation bei der Prävention liegt in Deutschland im Argen. Einen eklatanten Mangel stellen Verbraucherzentralen, Justizministerium und Versicherer bei der Erhaltung der Zahngesundheit fest. Prophylaxe und vorbeugende Behandlung zur Gesunderhaltung sind auf dem Gebiet der Zahnmedizin nur schwach ausgeprägt. Deshalb bestimmen der Ersatz von Zähnen und weit fortgeschrittene Parodontitis in Deutschland vielfach das Bild.

Aus der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie geht hervor, dass hierzulande mehr als die Hälfte der Erwachsenen mittleren Alters von Parodontitis betroffen ist (1). In der Altersgruppe der Senioren leiden sogar fast zwei Drittel darunter. Im Gegensatz dazu lassen sich zwar rund 50 Prozent der gesetzlich Versicherten innerhalb von zwei Jahren auf Parodontose untersuchen, aber nach Auskunft des BARMER Zahnreports 2017 erhielten weniger als zwei Prozent von ihnen eine Therapie gegen Parodontitis (2).

Die Diskrepanz zwischen Erkrankungsrate und einer Behandlung ist demnach enorm! „Dies ist umso bedenklicher, da der Therapieerfolg immer unsicherer wird, je weiter die Erkrankung fortgeschritten ist“, so Studienautor Prof. Dr. Michael Walter, Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik am Universitätsklinikum Carl Gustav Caru in Dresden.

Parodontitis-Therapie braucht Zielwasser

Die BARMER kommt zu dem Schluss: Die Parodontitis-Therapie verfehlt offenbar häufig ihr Ziel, Zähne zu erhalten. Nach der Therapie verliert ein Drittel der Behandelten innerhalb von vier Jahren Zähne. Dieser Befund lässt vor allem einen Schluss zu: Das eigentliche Ziel der Parodontitis-Therapie, Zähne zu erhalten, kann nicht durchgehend erreicht werden. Die Therapie kommt für viele Patienten offensichtlich zu spät, wenn bereits zum Zeitpunkt der Behandlung Zähne nicht mehr behandelbar sind und gezogen werden müssen.

Bei Zahnimplantaten fordern Gerichte und Verbraucherzentralen seit Jahren eine bessere Aufklärung und mehr Maßnahmen zur Prävention. Eine Studie hatte gezeigt, dass neun Jahre nach dem Einsetzen von Implantaten bei 45 % der Patienten eine Periimplantitis besteht (3). Wird diese nicht professionell behandelt, kann es sogar zum Verlust des Implantates kommen und die Folgekosten sind teilweise immens.

Ein Fünftel der Patienten berichtet, über die möglichen Komplikationen nicht aufgeklärt worden zu sein. Ein Drittel bekam keine Information zu den möglichen Folgekosten. Gerichte sprechen Patienten bei ungenügender Aufklärung oft hohe Ersatzansprüche zu. Besonders Patienten, die schon vor dem Einsetzen eines Implantates unter einer Parodontitis litten, müssen besonders gut aufgeklärt werden. In diesem Fall sind eine sorgfältige tägliche Mundhygiene sowie ein individueller Plan zur Prophylaxebehandlung dringend nötig.

Undurchdringlicher Dschungel von Zahlungsregelungen

Hinzu kommt, dass der Markt der Zahngesundheit in weiten Teilen selbst bezahlt werden muss. Das bietet einen wirtschaftlichen Anreiz für Zahnärzte bietet. Gleichzeitig ist der Dschungel an Zuzahlung, Eigenanteil, Heil- und Kostenplan für den medizinischen Laien kaum nachvollziehbar. Dass Patienten sich schlecht informiert fühlen, liegt aber nicht nur an den Zahnärzten. Denn gerade im Bereich der Zahnbehandlung sind neutrale Informationen nur schwer zu erhalten. Mehrheitlich basieren Informationen auf Broschüren von Herstellern und Anbietern, sind aber für den Verbraucher nicht auf den ersten Blick als solche erkennbar.

Nachholbedarf bei Gesundheitskompetenz

In einer Studie zur Gesundheitskompetenz hat das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz 2016 die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland untersucht (4). Die Ergebnisse sind alarmierend! Über die Hälfte (54,3 %) der Deutschen verfügt nur über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Diese Personen haben erhebliche Schwierigkeiten damit, Informationen zu ihrem Gesundheitszustand richtig einzuordnen, zu bewerten und Entscheidungen zu treffen. Im Ergebnis fordert das Ministerium, das Gesundheitssystem informations- und nutzerfreundlicher zu gestalten und den Patienten die entsprechenden Informationen verständlich und neutral zur Verfügung zu stellen.

Die Mundgesundheitsstiftung (DMS) hat diese Missstände und die Forderungen des Ministeriums zum Anlass genommen, in zweierlei Hinsicht tätig zu werden:

  1. Sie hat die Webseite „I Love My Implant“ ins Leben gerufen. Die Webseite stellt Patienten, Interessierten und zahnmedizinischem Fachpersonal produktneutrale und herstellerunabhängige Informationen zu Zahnimplantaten zur Verfügung. Die Stiftung konnte den unabhängigen Medizinjournalisten Dr. Jan Kunde als Redaktionsleiter gewinnen. Das stellt sicher, dass die Informationen neutral, wissenschaftlich fundiert und verständlich sind.
  2. Sie hat eine Studie initiiert, um den gesundheitsökonomischen Nutzen einer früheren Parodontitis-Diagnose zu belegen – und zwar für den Patienten.

Die interne Studie wurde von Prof. Frankenberger, Zahnmediziner und Professor für Zahnerhaltung an der Philipps-Universität, und dem Institut für empirische Gesundheitsökonomie (IFEG) durchgeführt.

Die Fragestellung war recht einfach: Spart es Patienten auf Dauer Geld ein, frühzeitig in die Diagnose einer Parodontitis zu investieren? Eine Gruppe wurde nach üblichem Standard behandelt, bei der anderen Gruppe wurde zusätzlich zur Standardprozedur der besonders sensitive aMMP-8 Test durchgeführt, der bereits im Frühstadium erste Anzeichen einer Parodontitis erkennen lässt.

Das Ergebnis ist eindeutig: Je länger der sensitive Test eingesetzt wird, desto höher sind die Ersparnisse für Patienten. In den ersten zehn Jahren im Alter von 35 bis 44 Jahren überwiegen noch die Mehrkosten für den Test (930,-€ in zehn Jahren). Allerdings zahlt sich dieser Test für Personen im höheren Alter deutlich aus: im Alter von 45 bis 54 Jahren sparen die Patienten bereits 980,-€ in zehn Jahren – der Test hat sich quasi amortisiert. Im Alter von 55 bis 64 Jahren liegt das Einsparpotenzial bei 1884,-€, im Alter von 65 bis 74 Jahren bei 2920,-€ und im Alter von 75 bis 84 Jahren bei 4704,-€.

Parodontitis: Routineuntersuchung = zu späte Diagnose

Der Hintergrund liegt auf der Hand. Die Parodontitis wird in aller Regel im Rahmen der Routineuntersuchung erst diagnostiziert, wenn sie zu weit fortgeschritten ist. Das Zahnfleisch blutet oder es zeigt sich bereits ein Zurückweichen des Knochens im Röntgenbild. Doch dann ist es häufig bereits zu spät. Der Prozess lässt sich nur aufhalten und nicht verhindern. Es kommt daher früher oder später zum Zahnverlust. Dass Zahnersatz teuer ist, ist hinreichend bekannt. Wird aber im Rahmen der regelmäßigen Untersuchung der sensitive aMMP-8-Test eingesetzt, können bereits erste degenerative Prozesse aufgespürt werden.

Ursache ist fast immer ein schädigender Biofilm aus Bakterien, der auch versteckt im Zahnfleisch liegen kann (5). Durch den Test werden diese Herde aufgespürt und können gezielt entfernt werden, bevor es zur dauerhaften Schädigung von Haltestrukturen und Knochen kommt.

Übrigens ist folgender Gedanke ein Trugschluss: „Ach – dann fange ich erst mit 45 Jahren mit dem Test an und spare mit die 930,-€ in den Jahren zuvor.“ Denn die Einsparungen im Alter ergeben sich dadurch, dass Schäden durch Entzündungen bereits in jungen Jahren vermieden werden.

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Quellenverzeichnis:

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