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Was bedeutet eigentlich orale Immunkompetenz?

Vielleicht ist Dir der Begriff orale Immunkompetenz schon einmal begegnet und Du fragst Dich, was das eigentlich bedeuten soll? Ein gesundes orales Immunsystem oder auch Immunfitness sind von immenser Bedeutung, wenn es um Deine Zahnimplantate geht. Doch auch Volkskrankheiten wie Diabetes, Herzerkrankungen, Rheuma und Unfruchtbarkeit spiegeln sich in Deinem Mund wider. In diesem Beitrag schauen wir uns diesen wichtigen Zusammenhang genau an und erklären Dir, was es für Dich und Deine Gesundheit bedeutet und wie Du feststellen kannst, wie fit Dein orales Immunsystem ist. Nicht zuletzt trägt ein gesundes orales Immunsystem wesentlich zum Einwachsen von Implantaten bei, zu deren Lebensdauer und wenig Komplikationen.

Wann ist ein Immunsystem kompetent?

Die Aufgaben des Immunsystems sind gar nicht so einfach. Denn es muss genau zum richtigen Zeitpunkt Eindringlinge erkennen und dann eine ganze Kaskade an Abwehrmechanismen lostreten, um diese unschädlich zu machen. Dabei ist es weder gut, wenn das Immunsystem zu schnell und zu heftig reagiert noch, wenn es zu spät und viel zu schwach reagiert. Timing und Reaktionsstärke sind die bestimmenden Faktoren beim gesunden Immunsystem.

Denn reagiert es zu heftig, werden Unmengen von Botenstoffen (Zytokinen) ausgeschüttet, die letztlich zur Schädigung der Organe führen können (wie im Falle einer Sepsis). Reagiert es zu spät, haben sich die Keime womöglich schon im ganzen Körper ausgebreitet und das Immunsystem kommt gegen diese Übermacht nicht mehr allein an, dann greifen wir mit Antibiotika ein.

Daneben gibt es unzählige Formen von fehlgeleiteten Immunsystemen. In manchen Fällen reagiert das Immunsystem heftig auf völlig ungefährliche Stoffe – das sind dann die Allergien, die mitunter sogar lebensbedrohlich sein können. In anderen Fällen richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Stoffe oder Gewebe – dann sprechen wir von Autoimmunerkrankungen.

Fast jeder Zweite leidet unter einer Entzündung im Mund

Dass ein Immunsystem bei Erkältungen eine Rolle spielt, ist Dir bewusst. Aber warum ist das orale Immunsystem so wichtig und welchen Zusammenhang gibt es zum übrigen Körper?

Die Mundhöhle ist – gemeinsam mit dem Nasen-Rachenraum – die Eintrittspforte für fast sämtliche Stoffe aus unserer Umwelt. Mit jeder Nahrung nehmen wir unzählige Keime, die zuerst im Mund landen. Viele Viren, wie Schnupfenviren und sogar die Corona-Viren gelangen über die Mundhöhle in unseren Körper. (1) Du siehts also, wie wichtig es ist, dass gerade das Immunsystem im Mund (orales Immunsystem) genau richtig reagiert.

Bei ausreichender Hygiene und gutem Allgemeinzustand ist das für den Körper kein Problem. Doch die WHO (World Health Organisation) hat festgestellt, dass eine Entzündung des Zahnhalteapparates (Parodontitis – dazu zählt auch die Entzündung an Implantaten – die Periimplantitis) die häufigste Infektionskrankheit der Menschen ist und beinahe jeden Zweiten betrifft. Die meisten ahnen allerdings gar nicht, was in ihrem Mund passiert. (2) Allein in Deutschland sind schätzungsweise 11,5 Millionen Menschen betroffen. (3)

Das orale Immunsystem als Spiegel des Körpers

Was viele aber nicht wissen: Erkrankungen des Körpers und Erkrankungen in der Mundhöhle stehen in engem Zusammenhang. Leider betrachten noch immer viel zu viele Mediziner und Zahnmediziner die Mundhöhle und den übrigen Körper als etwas Unabhängiges. Dabei würde sich eine enge Zusammenarbeit gleichzeitig positiv auf systemische (körperliche) und orale Erkrankungen auswirken.

Offenbar ist das Immunsystem im Mund so sensibel, dass sich Krankheiten, wie Diabetes, Herzkrankheiten und Rheuma direkt am Zustand der Mundhöhle ablesen lassen. Umgekehrt verhindert eine Entzündung der Mundhöhle scheinbar die Schwangerschaft – so manche Frau wurde erst nach einer Sanierung der Mundhöhle schwanger. Doch auch Rheumatoide Arthritis und sogar Alzheimer scheinen einen Zusammenhang mit der Gesundheit der Mundhöhle zu haben. (4)

1. Diabetes und das orale Immunsystem
Parodontitis und Diabetes sind beides sehr häufige Erkrankungen, die sich gegenseitig beeinflussen. Patienten mit Diabetes haben nicht nur häufiger eine Parodontitis, sondern auch häufiger eine Parodontitis mit höherem Schweregrad. Je schlechter der Blutzucker eingestellt ist, desto ärger steht´s um die Parodontitis. (5)
Eine kürzlich durchgeführte griechische Studie ergab, dass 27,5% aller Patienten beim Zahnarztbesuch einen zu hohen Blutzucker-Spiegel hatten – ohne es zu wissen. Ein sogenannter aMMP-8-Test, mit dem eigentlich auf Parodontitis untersucht werden sollte, hatte genau diese Menschen mit zu hohem Blutzucker herausgefischt. (6) Ein klares Zeichen, wie eng beide Erkrankungen miteinander verknüpft sind.
Diabetes, Durchblutung und Wundheilung sind ein bekanntes Thema. Sicherlich hast Du auch schon einmal was von einem diabetischen Fuß gehört. Die Ursachen sind eine schlechtere Durchblutung, Schädigungen der Nerven und ein schwächeres Immunsystem.  Die winzig kleinen, stark durchbluteten Kapillargefäße in Deiner Mundhöhle reagieren natürlich noch viel empfindlicher auf den Blutzucker und sind so etwas wie ein Frühwarnsystem.

Deshalb: Wer Diabetes hat, sollte seinen oralen Immunstatus besonders gut im Blick behalten. Aber auch umgekehrt gilt, wer immer wieder Probleme mit Parodontitis hat, sollte seinen Blutzucker gründlich untersuchen lassen.

2. Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und das orale Immunsystem

Doch nicht nur Patienten mit Diabetes leiden häufiger an einer Parodontitis, sondern auch Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen. Zahlreiche Studien haben einen Zusammenhang zwischen chronischen kardiovaskulären Erkrankungen und einer Parodontitis gezeigt. (7) Beiden Erkrankungen gemeinsam ist, dass eine stille Entzündung mit am Werk ist – vielleicht hast Du den englischen Begriff Silent Inflammation schon einmal gehört. Diese Entzündungsprozesse führen in den Blutgefäßen zu winzigen entzündeten Stellen, bilden Narbengewebe, an denen sich schließlich weitere Zellen anlagern und das Gefäß verschließen können.

Ist das orale Immunsystem durch schlechte Keime und Entzündungen geschwächt, wirkt sich das auf den gesamten Körper aus. Ist das Immunsystem durch Entzündungsreaktionen in den Gefäßen gefordert, zeigt sich dies auch im Mund. Beide Erkrankungen stehen im Austausch und auch hier gilt: wer herzkrank ist, sollte besonders gründlich auf seine Mundhöhle achten und wer Probleme mit Parodontitis hat, sollte nicht nur seinen Blutzucker prüfen lassen, sondern auch den kardiologischen Zustand.

Diese beiden Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, dass Zahnärzte und Ärzte eng zusammenarbeiten. Denn der Zustand des oralen Immunsystem gibt Auskunft über den Zustand des gesamten Körpers und umgekehrt Spiegeln sich die Erkrankungen des Körpers in der Mundhöhle wider.

Besonders vor dem Einsetzen von Implantaten ist es deshalb wichtig zu wissen, wie es um Deine orale Immunkompetenz bestellt ist, um ein komplikationsloses Einwachsen der Implantate zu ermöglichen. Und auch bestehende Implantate sind in fast der Hälfte aller Fälle nach neun Jahren von einer Entzündung am Implantat betroffen. Um dies zu verhindern, ist es wichtig, regelmäßig den Zustand in Deiner Mundhöhle festzustellen und zwar bevor sich tiefe Taschen gebildet haben oder der Knochenabbau im Röntgenbild sichtbar wird.

Wie Du Deine orale Immunkompetenz messen kannst

In unserem Körper gibt es eine große Gruppe an Enzymen, die am Auf- und Abbau von Gewebe beteiligt sind. Diese haben den sperrigen Namen Matrix-Metalloproteinasen (kurz MMP). Eine besondere Rolle spielt dabei die MMP-8 – sie gehört zur Gruppe der Kollagenasen. Das bedeutet, dass dieses Enzym unser Kollagen abbaut. Kollagen ist nicht nur wichtig für eine straffe Haut, sondern spielt im ganzen Körper eine entscheidende Rolle als Stütz- und Haltegewebe. Der gesamte Zahnhalteapparat wird durch feste Kollagenfasern gestützt und sorgt für einen dichten Abschluss des Zahnfleisches um den Zahn und hält die Zähne an Ort und Stelle.

Wenn es durch schädliche Bakterien oder Entzündungsprozessen aufgrund von Krankheiten kommt, aktivieren weiße Blutkörperchen das Enzym MMP-8, um den Fresszellen den Weg freizuschneiden zu dem Ort der Entzündung. Dieses Enzym spielt eine Schlüsselrolle bei entzündlichen Prozessen und dem daraus resultierenden Gewebeabbau. Es wird so früh ausgeschüttet, dass es lange vor sichtbaren Schädigungen des Zahnhalteapparates oder dem Knochen messbar ist und deshalb ein ideales Frühwarnsystem darstellt.

Ein einfacher Speicheltest gibt Klarheit

Finnischen Forschern und deutschen Biotechnologie-Experten ist es gelungen, einen Test zu entwickeln, der allein aus einer Speichelprobe erkennt, ob in Deinem Mund diese zerstörerischen Prozesse ablaufen. Der Test bestimmt die Konzentration an aktivierter Matrix-Metalloproteinase-8 (aMMP-8) und wird nicht nur von Zahnärzten, sondern mittlerweile auch von interdisziplinär denkenden Internisten, Diabetologen und Kardiologen eingesetzt, um den Zustand des oralen Immunsystems zu ermitteln.

Der Test ist leider noch immer eine Selbstzahler-Leistung (IGeL) und kostet um die 50,-€. Es gibt eine professionelle Variante für den Einsatz im medizinischen Bereich, die Auskunft über die exakte Menge an aMMP-8 gibt, aber auch einen einfachen ja/nein Test für den Heimgebrauch. Dieser ist so einfach wie ein Schwangerschaftstest und sagt Dir, ob eine kritische Menge an aMMP-8 überschritten wurde.

Besonders interessant für Implantatträger: mit der professionellen Variante kann direkt am Implantat eine Probe genommen werden, um zu schauen, ob dort alles in Ordnung ist.

Doch auch vor dem Einsetzen eines Implantates, empfiehlt sich die Bestimmung der aMMP-8. Denn ein Zahnverlust passiert häufig aufgrund einer Parodontitis. Im Gewebe und Knochen haben Entzündungsreaktionen stattgefunden, die dazu führten, dass der Zahn nicht mehr festsitzt. Das bedeutet aber auch, dass an dieser Stelle Bakterien am Werk waren und sind, die unbedingt restlos eliminiert werden müssen, bevor es sich lohnt, an dieser Stelle ein Implantat zu setzen. Ansonsten sind Probleme beim Einwachsen und später Implantatverlust durch Periimplantitis ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Wer in ein Implantat investiert, der sollte die Kosten für ein gesundes orales Immunsystem unbedingt einplanen. Regelmäßige aMMP-8-Messungen (zweimal jährlich), eine angepasste Dentalhygiene (drei bis sechsmal jährlich – abhängig vom Zustand deiner Mundgesundheit) und tägliche Pflege mit Interdentalbürsten und Zahnseide sorgen dafür, dass Du lange und komplikationslos Freude an Deinem Implantat haben wirst. Love your implant!

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Quellen:

  1. High expression of ACE2 receptor of 2019-nCoV on the epithelial cells of oral mucosa. Xu, Hao & Zhong, Liang & Deng, Jiaxin & Peng, Jiakuan & Hongxia, Dan & Zeng, Xin & Li, Taiwen & Chen, Qianming. (2020). International Journal of Oral Science. 12
  2. Review: Strengthening the Prevention of Periodontal Disease: The WHO Approach. Poul Erik Petersen and Hiroshi Ogawa. J Periodontol (12/2005)
  3. Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V) https://www.bzaek.de/fileadmin/PDFs/dms/Zusammenfassung_DMS_V.pdf
  4. From focal sepsis to periodontal medicine: a century of exploring the role  of the oral microbiome in systemic disease. Purnima S. Kumar. J Physiol 595.2 (2017) pp 465–476
  5. Diabetes and periodontal disease: a two-way relationship. L. Casanova, F. J. Hughes and P. M. Preshaw. British Dental Journal 2014; 217: 433-437. DOI: 10.1038/sj.bdj.2014.907
  6. Prediabetes/Diabetes Can Be Screened at the Dental Office by a Low-Cost and Fast Chair-Side/Point-of-Care aMMP-8 Immunotest; Andreas Grigoriadis, Timo Sorsa, Ismo Räisänen, Pirjo Pärnänen, Taina Tervahartiala, and Dimitra Sakellari; Diagnostics 2019, 9, 151; doi:10.3390/diagnostics9040151
  7. Neutrophil proteolytic activation cascades: a possible mechanistic link between chronic periodontitis and coronary heart disease. Hatem Alfakry, Ernst Malle, Chintan N Koyani, Pirkko J Pussinen, Timo Sorsa. Innate Immunity 2015; 22:1. https://doi.org/10.1177/1753425915617521

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